Wenn ich anderen von meinem ersten Vipassana-Retreat erzähle, schaue ich in interessierte bis entsetzte Gesichter. Und ich gebe zu, es ist eine sehr intensive Erfahrung, die sicher nicht jeder machen muss. Doch wenn du dich auf dem Weg nach Innen befindest, ist es definitiv eine Überlegung wert. Mich persönlich hat es auf meinem yogischen Weg sehr unterstützt und meine Meditationspraxis intensiviert. Hier lasse ich dich an meinen Erfahrungen teilhaben, so dass du besser für dich entscheiden kannst, ob du ebenfalls den Weg in ein Vipassana-Zentrum finden möchtest.

 

Was ist Vipassana überhaupt?

Bei Vipassana handelt es sich um eine Meditationstechnik, die aus dem Buddhismus stammt. Von dieser Technik gibt es verschiedenen Ausrichtungen. Ich war an einem Zentrum, das traditionell nach S.N Goenka lehrt. Die Aufenthalte in diesen Zentren sind auf Spendenbasis und somit jedem zugänglich.

Es gibt weltweit Zentren, in denen Vipassana nach S.N. Goenka unterrichtet wird und an allen Zentren sind sowohl der Tagesablauf als auch die Regeln gleich. Als Neuling muss ein 10-tägiges Retreat absolviert werden, da es mindestens 10 Tage dauert, diese Technik zu erlernen. Während dieser 10 Tage wird nicht kommuniziert (weder Sprechen noch Blick- oder Körperkontakt) und es darf weder gelesen noch geschrieben werden. Das einzige was man macht ist meditieren. Man ist dazu aufgefordert, auch während der Pausen und während der Mahlzeiten in diesem meditativen, achtsamen Zustand zu bleiben. Da es kaum Möglichkeiten zur Ablenkung gibt, macht man das ganz von allein.

 

Warum Vipassana und nicht 10 Tage Strand?

Vor 3 Jahren hatte ich eine heftige Krise und habe mich in eine intensive Phase der Selbstauseinandersetzung begeben.  Ich habe eine tiefenpsychologisch fundierte Therapie gemacht und den Entschluss gefasst, ganz tief in mich hineinzuschauen. 10 Tage ernsthaft ausschließlich meinem Inneren und meiner spirituellen Entwicklung zu widmen, schien mir gut zu diesem Weg zu passen – und das hat sich auch bestätigt. Auf dem Weg ins Zentrum habe ich mich schon gefragt, warum ich mich nicht lieber an den Strand lege. Ein typischer Erholungsurlaub ist Vipassana sicherlich nicht. Doch auch wenn diese intensive Selbstkonfrontation zwischendrin anstrengend und fordernd war, hatte es auch etwas Erholsames für mich – kein Handy, keine Ablenkung, kaum Reize von außen, sehr tiefer Schlaf, ein regelmäßiger Tagesablauf und man braucht sich um nichts zu kümmern. Aber lasst und am Anfang beginnen.

Das Ankommen – Reden erlaubt?

Mit dem Zug ging es für mich nach Hof und dort stand schon der Shuttle bereit, um mich und viele andere Menschen aus der ganzen Welt zum Zentrum zu bringen. Die Stimmung im Shuttle war merkwürdig.  Man hat gemerkt, dass alle etwas angespannt waren und es herrschte Unsicherheit, ab wann dann nun das Schweigen beginnt. Für dich zur Info: es beginnt erst mit der ersten Meditation. Davor darf gesprochen werden und man hat Gelegenheit, sich mit den Zimmergenossen bekanntzumachen.

Das Zentrum in Triebel ist schön gelegen, die Räumlichkeiten einfach und sauber und der Außenbereich sehr schön und inmitten der Natur. Der Anmeldeprozess lief geregelt ab. Es wurden einige Formalitäten erledigt, man bekam seinen Zimmerschlüssel, ein Schließfach und das wohl aufregendste: das Handy wurde eingesammelt. Tschüss Welt – hallo Lea!

 

Tag 1-3: Schon erleuchtet?

Während der ersten drei Tage wird einem Schritt für Schritt die Technik erklärt. Die Anweisungen kommen vom Band, es handelt sich dabei um die Originalvertonungen von S.N Goenka bzw. um Übersetzungen. Die Meditationstechnik besteht darin, Sinnesempfindungen an seinem Körper wahrzunehmen. Dies wird zunächst am Bereich der Nase geübt, später weitet sich der Bereich langsam aus, bis man den ganzen Körper von oben nach unten „abscannt“. Es geht darum, die Empfindungen wahrzunehmen, ohne sie zu beurteilen und sich darüber bewusst zu sein, dass sich alles immer verändert. Anicca… Bei diesem Begriff höre ich sofort die Stimme von S.N. Goenka, der uns während der Meditationen mit dem Rezitieren dieses Begriffs immer wieder daran erinnerte, dass alles vergeht und es daher keinen Sinn macht, an etwas festzuhalten – alles ist vergänglich… Auch der Schmerz vom vielen Sitzen???

In dieser Anfangszeit waren die Schmerzen tatsächlich meine größte Herausforderung. Es gibt einfach keine Sitzposition, in der man bequem so viel sitzen kann. Also wird der Schmerz zum Meditationsobjekt. An Tag 3 gelang es mir, meine Reaktion auf den Schmerz zu verändern. Ich habe ihn neutral betrachtet und akzeptiert. Und oh Wunder… plötzlich löste er sich auf! In dem Moment hatte ich das Gefühl, die Antwort auf alles gefunden zu haben. Ich dachte, dass ich dies auch bei meiner Migräne anwenden könnte und jetzt vermutlich nie wieder Schmerzen haben würde. Wie sich später herausgestellt hat, ist das aber leider nicht so. Dauert wohl doch noch etwas mit der Erleuchtung.

Tag 4-7: Ruhe im Kopf

Nach diesem Erlebnis war es überwiegend sehr herrlich und ich habe es richtig genossen. Der Impuls auf mein Handy zu gucken war längst vergangen. Die kurzen Auszeiten beim Runden drehen auf der Wiese waren herrlich – auch wenn der Anblick etwas an den Garten einer „Irrenanstalt“ erinnerte. Alle trugen bequeme Klamotten und kümmerten sich wenig um ihr Äußeres. Die Teilnehmer waren sichtlich entschleunigt und man sah hier und da jemanden stehen, der sich in Ruhe eine Blume oder eine umherschwirrende Biene anguckte.

So fühlt es sich also an, wenn man wirklich voll und ganz präsent und im Moment ist. Ich habe mir in diesen Tagen keinerlei Gedanken gemacht. Irgendwie war mein Kopf einfach ruhig und ich habe wahrgenommen, ohne zu denken. Ich erinnere mich noch, wie ich mir einmal beim Abendessen, das immer nur aus Früchten bestand, einen Kakao gemacht habe. Ich hatte das Gefühl, das sei das Leckerste was ich je getrunken habe. Früher hatte ich solche Erfahrung nach dem Konsumieren von grünen Substanzen. Jetzt war es noch intensiver, weil ich präsent und klar war.

 

Tag 8: Ich will hier raus!

Aber ja, Anicca… alles ist vergänglich und somit auch diese herrliche Ruhe in meinem Kopf. An Tag 8 dachte ich recht plötzlich: So, jetzt reicht`s dann aber auch mal, jetzt will ich gehen! Ich hatte langsam keinen Bock mehr, mich an all diese Regeln zu halten und wollte einfach mal wieder selbstbestimmt handeln. Mir hat Bewegung gefehlt und ich habe immer wieder überlegt, ob ich irgendwo heimlich Yoga machen könnte. Ging aber nicht. Als dann auch noch eine der Wiesen abgesperrt war, auf der wir zwischendrin unsere Runden drehen konnten, war der Spaß vorbei. Als sehr freiheitsliebender Mensch bin ich hier extrem an meine Grenzen gekommen und habe mich ernsthaft gefragt, ob das Absicht ist und die uns ärgern wollen. Später stellte sich heraus, dass dort gemäht werden sollte. Ich wollte nur noch Koffer packen und verschwinden.

Aber auch dieser Tag ging vorbei… Anicca… Alles ändert sich immer…

Tag 9: Madonna in my mind

An Tag 9 hatte ich eine wunderschöne Morgenmeditation. Ich musste an einen Freund aus Indien denken und daran, wie sehr er mich schon unterstützt hat und mir kamen vor Rührung ein paar Tränchen. Während man seinen Körper so abscannt passieren alle möglichen Sachen und das scheint auch wirklich individuell sehr unterschiedlich zu sein. Bei mir kamen immer wieder Emotionen hoch, die ganz abgekoppelt von irgendwelchen Erinnerungen waren. Wie Seifenblasen, die aufsteigen und zerplatzen.

Später bekam ich plötzlich einen Ohrwurm von Madonna und ich habe mich entschieden nun nicht mehr so streng wie die Tage zuvor den Anweisungen zu folgen. Ich habe innerlich Musik gehört und eine kleine Party gefeiert.

 

Tag 10 und Abfahrt

An Tag 10 gab es die letzte Meditation, eine Metta-Meditation. Ich hatte vorher oft von dieser Metta-Meditation gehört und dass sie für viele das absolute Highlight sei. Das war für mich nicht so – eher unspektakulär. Danach durften wir dann sprechen und ich hatte eigentlich gar keine Lust dazu. Man hat 10 Tage mit Menschen verbracht und sich ein Bild von Ihnen gemacht. Schnell hat es sich jetzt angehört, wie auf einer echten Party und die Menschen, die vorher so weise wirkten, schienen plötzlich aufgedreht und pubertär zu sein.

Die vielen Reize haben mich angestrengt, ich habe mich am Rand gehalten und das Gespräch mit einzelnen Personen gesucht. Zum Glück habe ich noch spannende Menschen getroffen und es war schön, Erfahrungen austauschen zu können. Wertvoll war für mich vor allem der Austausch mit erfahrenen Praktizierenden, die schon mehrere solcher Retreats absolviert hatten. Mit ihnen konnte ich mich auch über die Dinge austauschen, die ich während des Aufenthalts kritisch gesehen habe. Das war vor allem der Inhalt der Lehrreden, die wir abends hörten. Eine ältere Dame vertraute mir an, dass sie inzwischen Ohropax während der Lehrreden trägt, weil es jedes Mal wieder das gleiche sei. Man darf nicht vergessen, dass diese Reden aus einer anderen Zeit und einer anderen Kultur stammen. Und da auch betont wurde, dass es vor allem um die Meditationstechnik geht, kann man bei den Dingen, mit denen man nichts anfangen kann, ruhig weghören.

2,5 Jahre danach: das hat es mir gebracht

Kurz nach Vipassana hatte ich definitiv das Gefühl, dass das eine besondere Erfahrung war, die Einfluss auf mein Leben nimmt, konnte es aber noch nicht richtig greifen. Inzwischen weiß ich, dass mich dies definitiv auf meiner spirituellen Reise einen großen Schritt nach vorn gebracht hat. Nach meiner Krise hat es mir die Sicherheit gegeben, dass ich mich auf mich verlassen kann und es hat die Verbindung zu meinem Inneren und mein Selbstvertrauen gestärkt. Außerdem hat es mir mit meinem früheren Suchtpotential geholfen. Ich hatte bereits vor Vipassana immer seltener getrunken, geraucht etc, wobei mir auch mein Yoga geholfen hat. Doch danach habe ich ganz von selbst nie wieder das Bedürfnis gehabt zu rauchen. Wenige Monate später habe ich auch aufgehört Alkohol zu trinken, weil ich einfach kein Bedürfnis mehr daran hatte. Außerdem fällt mir Meditieren seitdem sehr viel leichter. Ich saß während dieser 10 Tage so oft in einer Meditationshaltung und hatte gleichzeitig diese Stille in meinem Kopf, dass ich jetzt oft die Stille direkt erfahre, wenn ich mich in Meditationshaltung begebe.

 

Für wen ist Vipassana geeignet?

Ich höre häufig, dass man es sich sehr gut überlegen sollte, bevor man Vipassana macht und es nicht für jeden geeignet sei. Man müsse bereits regelmäßig meditieren und in sich ruhen etc. Ich will es nicht herunterspielen, aber definitiv zu dieser Erfahrung ermutigen. Für mich war es eine Herausforderung, aber so schwierig irgendwie auch nicht. Wenn man sich gerne mit sich selbst auseinandersetzt und wirklich wissen will, was in einem so los ist, ist das genau das Richtige.

Bei körperlichen Beeinträchtigungen kann man auch einen Stuhl bekommen und auch das Essen wird individuell angepasst bei Unverträglichkeit, Schwangerschaft oder ähnlichem.

Neugierig geworden? Hier kannst du dich 3 Monate vor Kursbeginn anmelden. Du musst übrigens schnell sein, sobald die Leitungen freigeschaltet werden beginnt der Ansturm. Wenn Du Fragen hast, schreib mir gerne!

 

Für mich geht es in Kürze zu meiner zweiten Abenteuerreise nach Innen. Mal sehen, was mich diesmal dort erwartet.

 

Om Namaste

Eure Lea

2 Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.