Als Yogalehrerin mit wissenschaftlichem Hintergrund begegne ich vielen unterschiedlichen Menschen und auch vielen kritischen Fragen nach der Wirkung von Yoga. Auch wenn Yoga immer mehr die Gesellschaft durchdringt, herrscht gerade unter Wissenschaftlern viel Skepsis und Unwissen. Mir begegnen Fragen wie „Atmen ist doch nur dazu da, uns mit Sauerstoff zu versorgen. Was sollen denn Atemübungen bringen?“ oder „Andere Sportarten sind doch auch gut für Körper und Geist. Was soll denn bei Yoga anders sein?“

In meiner Yogalehrerausbildung in Indien (mehr zu meiner Ausbildung findest du in anderen Blogartikeln) war ein Vortrag zu einem Yogathema Teil der Abschlussprüfung. Ich habe das Thema „Yoga and Science“ gewählt und einen Überblick über die wissenschaftlichen Belege zur Wirkung von Yoga gegeben. In diesem Blogartikel teile ich meine Erkenntnisse mit dir.

Erste Studien – Yoga verursacht Verletzungen?

Die ersten Artikel über Yoga in Fachzeitschriften wurden in den Anfängen der 1970er Jahre veröffentlicht, unter anderem in dem British Medical Journal und von der American Medical Association. Diese Artikel berichteten ausschließlich von durch Yoga verursachten Verletzungen. Es wurden Fallbeispiele aufgeführt, in denen von leichten Verletzungen bis zu andauernden Einschränkungen durch Yoga berichtet wurde.

In einem solchen Fallbeispiel entschied beispielsweise ein männlicher College Student, seine Praxis zu vertiefen und begann, mehrere Stunden am Tag in der Hero Pose/Virasana (siehe Abb. 1) zu sitzen und Mantren für den Weltfrieden zu singen. Durch die andauernde einseitige Sitzposition traten schwerwiegende Ischiasbeschwerden auf. Ein anderes Beispiel schildert, wie eine junge Frau beim Üben der Wheelpose/Urdhva Dhanurasana (siehe Abb. 2) unglücklich auf den Kopf stürzt und sich dadurch schwerwiegende Verletzungen an der Halswirbelsäule zuzieht.

Durch diese Veröffentlichungen geriet Yoga kurzfristig in Verruf. Es wurde jedoch auch deutlich, dass die Verletzten leichtsinnig und ohne fachmännische Anleitung übten, so dass aus diesen Einzelfällen keine allgemeingültige Aussage getroffen werden kann. Es waren Studien nötig, die eine größere Anzahl Yogapraktizierender über einen längeren Zeitraum begleitet und die Ergebnisse mit einer Kontrollgruppe vergleicht.

Ab Mitte der 1970er Jahre wurden diverse Studien zu verschiedenen Themenbereichen zu dem Einfluss von Yoga auf die körperliche und geistige Gesundheit durchgeführt. Im Folgenden gebe ich einen kleinen Überblick.

Die Wirkung von Yoga auf den Geist

Yoga wird oft von Ärzten empfohlen, da es Anspannung und Stress vermindern soll. Anerkannten Wissenschaftlern zufolge werden 85 bis 95% aller Krankheiten durch Stress verursacht. Eine stressreduzierende Wirkung könnte demnach positiv zur Behandlung von Krankheiten beitragen und der Entstehung von Krankheiten vorbeugen.

Yoga hilft bei Stress und Anspannung

Eine Studie an 60 College-Professoren/-innen zeigte, dass durch yogische Techinken (Meditation und Yoga Nidra) das Stresslevel und der Grad an Anspannung signifikant reduziert werden. Laut der Boston University School of Medicine wird durch das Üben von Yoga der Spiegel des Botenstoffs Gamma-Aminobuttersäure (GABA) im Gehirn angehoben. Dieser Botenstoff hat eine beruhigende Wirkung und kann somit Stress und Anspannung minimieren. Depressive und an Angst erkrankte Menschen weisen meist deutlich weniger GABA auf als Gesunde. Es wird davon ausgegangen, dass die Erhöhung des GABA-Spiegels auch eine Verbesserung der Stimmung und des allgemeinen Wohlbefindens zur Folge hat.

Yoga bei Traumata

Traumatisierte Soldaten der US-Army nahmen während eines Klinikaufenthaltes an einem Yoga-Programm teil. Es durften beliebig viele Yogaklassen in der Woche besucht werden. Die Ergebnisse zeigten eine Verbesserung der psychologischen Flexibilität und des erlebten Stresses, die proportional mit der Anzahl an besuchten Yogaklassen ansteigt. Eine weitere Studie mit weiblichen Gefangenen untersuchte die psychologischen Auswirkungen in einem 10-wöchigen Yoga-Programm und verglich die Ergebnisse mit einer Kontrollgruppe. Die Teilnehmerinnen an dem Yoga-Programm zeigten einen signifikanten Abstieg von Depression und Stress und eine bessere Selbstwahrnehmung.

Yoga fördert guten Schlaf

Die Harvard University in Boston untersuchte die Wirkung von Yoga auf einen guten Schlaf. Menschen mit Schlafstörungen wurden in zwei Gruppen aufgeteilt. Die eine Gruppe übte regelmäßig Yoga, die andere Gruppe bekam regelmäßige Beratungsgespräche. Nach acht Wochen zeigte die Yoga-Gruppe eine deutlich bessere Schlafqualität als die Beratungsgruppe. Dieser Trend war sogar noch Monate später nachweisbar und wird auf die stressreduzierende Wirkung von Yoga zurückgeführt.

Yoga versus Sport

Kann man diese Effekte tatsächlich auf Yoga zurückführen oder wäre dies auch zum Beispiel durch Aerobic zu erreichen? Die University of California in Los Angeles hat die Ergebnisse vieler Studien zusammengetragen, die die Wirkung von Aerobic mit der von Yoga vergleicht. Die Ergebnisse zeigen, dass Yoga die positive Wirkung von Sport gegen Stress und Stimmungsschwankungen übertrifft.

Der Einfluss von Atemübungen

Yoga besteht nicht nur aus Körperübungen und Meditation, sondern auch aus dem Praktizieren von Atemübungen (Pranayama). Die positive Wirkung der Atemübungen wurde bereits in diversen Studien belegt. Die erhobenen Daten zeigen, dass durch yogische Atemtechniken das Wohlbefinden gesteigert, das Level an oxidativem Stress im Körper reduziert und das vegetative Nervensystem ausgeglichen wird. Das regelmäßige Üben von Pranayama hat positive Effekte auf die Psyche und kann bei Depressionen und Angstzuständen helfen. Einige Studien zeigen auch positive Effekte bei der Behandlung von Lungenerkrankungen wie Asthma und COPD.

Die Wirkung von Yoga auf den Körper

Die Studienergebnisse zeigen, dass Yoga sich positiv auf unsere Stimmung und unser geistiges Wohlbefinden auswirkt, wodurch Krankheiten vorgebeugt und gemindert werden können. Doch gibt es auch direkte Effekte von Yoga auf die körperliche Gesundheit?

 Yoga bei Rückenschmerzen

Physiotherapeuten empfehlen häufig Yoga, da es sich z.B. positiv bei Rückenbeschwerden auswirken soll. An der Charité Berlin wurde eine Studie an Patienten mit Nackenschmerzen durchgeführt. Ein Teil der Probanden absolvierte über zehn Wochen einmal pro Woche 90 Minuten Yoga-Unterricht, ein anderer ein Rückenschulprogramm. Die Ergebnisse zeigten eine größere Verbesserung der Beschwerden in der Gruppe der Yogis.

Auch die University of Washington in Seattle untersuchte die Wirkung von Yoga bei Rückenschmerzen. Ein halbes Jahr lang praktizierten Patienten mit Rückenschmerzen mindestens einmal pro Woche Yoga. Fast 80 Prozent der Yogis konnten in Folge der regelmäßigen Yogapraxis auf Schmerzmittel verzichten.

Flexibilität und Balance

Einige sehr aussagekräftige Studien belegen den positiven Effekt von Yoga auf die körperliche Flexibilität und die Balance bei Menschen über 60 Jahren. So wurde beispielsweise eine Studie mit 307 über 60-jährigen Menschen durchgeführt. Die Probanden übten 2- bis 3-mal pro Woche Yoga und wurden in regelmäßigen Abständen von Physiotherapeuten auf Flexibilität und Balance untersucht. Es wurden deutliche Verbesserungen für Flexibilität und Balance festgestellt.

Yoga gegen Bluthochdruck

Die erste wissenschaftliche Studie zur Wirkung von Yoga wurde 1975 in der Lancet (Journal for Medical Science) veröffentlicht und untersuchte den Effekt von Yoga auf Patienten mit Bluthochdruck. Die Ergebnisse zeigten, dass Yoga effektiv Bluthochdruck senken kann. Im Vergleich zu konventionellen Entspannungsmethoden zeigte das Üben von Yoga einen hochsignifikant größeren blutdrucksenkenden Effekt. Auch Daten der Yale University belegen eine blutdrucksenkende Wirkung. Bluthochdruck-Patienten konnten ihre Werte mit Yoga derart normalisieren, dass die Einnahme von Medikamenten reduziert werden konnte. Die erhobenen Daten zeigen auch, dass sich der Blutdruck wieder erhöht, nachdem das regelmäßige Üben von Yoga beendet wurde.

Yoga ist ein Lebensweg und kann noch viel mehr!

In den wissenschaftlichen Studien werden immer einzelne Aspekte von Yoga untersucht. Einige Studien untersuchen die Wirkung der Körperübungen, andere die der Atemübungen oder die von dem Besuchen wöchentlicher Yogaklassen.

Traditionell gesehen handelt es sich bei Yoga jedoch nicht um eine Sportart oder ein Hobby, sondern um einen Lebensstil. Wer ernsthaft Yoga betreibt, wird nach und nach sein Leben bewusster und gesünder gestalten. Dazu gehört es, die eigenen Bedürfnisse zu respektieren und im Einklang mit sich selbst und seiner Umwelt zu leben. Das Praktizieren von Yoga führt also auch zu einem gesunden Lebensstil mit ausreichend Schlaf, gesünder Ernährung und harmonischen Beziehungen zu unseren Mitmenschen. Wenn wir dies alles zusammennehmen, können die positiven Auswirkungen von Yoga noch viel größer sein. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass sich das Üben von Yoga in Kombination mit gesunder Ernährung und täglichen Spaziergängen, sogar positiv auf unsere Gene auswirken kann (University of California, Prostata-Krebs-Pilotstudie).

Mein Fazit: Trust yourself

Die positiven Ergebnisse der Studien überraschen mich nicht. Meiner eigenen Erfahrung nach wirkt sich Yoga positiv auf alle Lebensbereiche aus und ermöglicht Veränderungen, die noch deutlich über diese Ergebnisse hinausgehen. Ich selbst brauche daher gar keinen wissenschaftlichen Beweis dafür, dass Yoga wirkt.

Die Wissenschaft glaubt nur, was eindeutig bewiesen wurde und sucht messbare Beweise im Außen. Yoga ist jedoch der Weg nach Innen. Wenn du den Artikel bis hierher gelesen hast, scheinst du dich für Yoga zu interessieren. Wenn du skeptisch bist und nach Beweisen suchst, ob es wirklich hilft, habe ich folgenden Tipp für dich:

Probiere es einfach selber aus!

Im Yoga gehen wir davon aus, dass die Wahrheit in uns selbst zu finden ist. Egal, wie viele Studien es gibt und wie der wissenschaftliche Stand ist: sammle deine eigenen Erfahrungen und erlebe die Wirkung von Yoga selbst.

Trust yourself & Namaste,

Deine Lea

0 Kommentare

Hinterlasse ein Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.