Gastfreundschaft oder Kidnapping? – Reisen in Indien

indische Gastfreundschaft

Ist das noch Gastfreundschaft oder schon Kidnapping? Mein unfreiwilliger Aufenthalt bei einer Familie in Indien

Auch bei meinem zweiten Aufenthalt in dem ayurvedischen Krankenhaus http://changethuayurveda.com/ in Indien war mir Familie Kishore behilflich. Auf Grund der Sprachbarriere und der schlechten Verkehrsanbindung haben sie den Termin für mich organisiert und mich dorthin gebracht. Im Krankenhaus angekommen, sagte Mutter Kishore, dass ich jetzt den Termin beim Senior Doc habe, aber erst am nächsten Tag mit den Behandlungen anfangen könnte, weil gerade kein Zimmer frei sei und lud mich ein, die Nacht bei Ihnen zu verbringen.

An der Rezeption wurde ich gefragt, ob ich wieder das gleiche Zimmer wie beim letzten Mal haben möchte oder ein günstigeres. Ich ließ mir das günstige Zimmer zeigen und bekam den leisen Verdacht, dass Familie Kishore flunkert, da das Zimmer offensichtlich frei war. Da die Verständigung schwierig war und ich die Einladung bereits in der vorherigen Nacht ausgeschlagen hatte, blieb es jedoch dabei und ich verbrachte den Tag und die Nacht bei der mir fast unbekannten Familie.

Ausflug in Kerala

Ich war an dem Tag von meiner langen Anreise sehr müde und eigentlich auf Erholung eingestellt. Die Familie hatte aber ein volles Programm mit mir geplant: Tempel besichtigen, eine Elefanten-Farm (mir blutete das Herz als ich die zur Schau gestellten Elefanten sah), Boot fahren und zwischen drin immer wieder Besuche bei Familie und Freunden der Kishores. 

Diese Besuche liefen jedes Mal gleich ab. Ich wurde mit den Wort: „Sit, sit.“ Zum Sitzen aufgefordert und dann standen viele Inder um mich herum, haben gelächelt, sich auf Malayalam (Sprache in Kerala) unterhalten und irgendwann wurden Handys gezückt und Fotos gemacht. Wenn jemand etwas Englisch konnte, wurde ich gefragt, wo ich herkomme, was ich beruflich mache und ob ich verheiratet sei. Das Programm war mir viel zu viel und meine Laune sank langsam aber sicher in den Keller.

Elefantenfarm in Kerala

„Are you married?“ – als Single-Frau in Indien

Die Frage nach dem Verheiratet sein, ist so eine Sache. In Reiseführern für Indien wird allein reisenden Frauen geraten, einen Fake-Ehering zu tragen. Bei meinen ersten Reisen habe ich diesbezüglich tatsächlich häufig gelogen, allerdings wird man dann in der Regel nach Fotos gefragt und ich habe mich nicht gut dabei gefühlt. Ich erinnere mich noch an die Reaktion eines indischen Freundes, als ich ihm von dem Hinweis im Reiseführer erzählte. Er war total erschrocken und verletzt darüber, was im Ausland für ein Bild von Indien herrscht. Inzwischen versuche ich ehrlich zu sein, dichte aber gelegentlich einen Boyfriend dazu, wenn ich mich dadurch sicherer fühle.Bei einem der Besuche bei Freunden der Kishores traf ich zwei pubertierende Mädchen, die mir diese Frage stellten und auch ganz gut englisch konnten. Ihnen erzählte ich, dass in Deutschland ganz unterschiedliche Lebensentwürfe möglich sind – manche Leute sind verheiratet, manche leben unverheiratet zusammen und manche als Singles. Ich sagte, dass es mir gefällt unabhängig zu sein und ein sehr freies Leben zu führen. Die Mädchen erwiderten mitstrahlenden Augen: „That is so nice!“

Politische Unruhen – Streik – Straßen gesperrt?

Als ich abends mit beginnender Migräne im Bett lag, kamen alle noch mal zu mir ins Zimmer und wollten mir etwas mitteilen. Es klang, als gäbe es politische Unruhen und einen Streik und daher Probleme am nächsten Tag ins Krankenhaus zu kommen.

Daraufhin begann für mich eine sehr unruhige Nacht. Mir wurde bewusst, dass ich gerade von dieser Familie abhängig war. Kaum jemand in dem Ort sprach englisch und da ich mit dem Auto gebracht wurde, hatte ich keine Ahnung, wie ich von dort ohne Hilfe wegkommen könnte. Mir kamen Phantasien von Psychothrillern und ich hatte tatsächlich Sorge, dass die mich nicht gehenlassen. Was ich zu Anfang für Gastfreundschaft hielt, fühlte sich inzwischen total übergriffig an. Mir wurde erst jetzt bewusst, wie häufig die Familie übermeine Wünsche hinweg gegangen war. Ich wurde mit Salbe gegen meine Migräne eingecremt, obwohl ich das verneinte, ich bekam Essen und sehr süße Getränke serviert, auch wenn ich es nicht wollte und bevor wir das Haus verließen, wurde ich mit Parfüm eingesprüht. Ich habe mich gefühlt, wie ein neues Haustier, dass herumgezeigt wird, reduziert auf meine Herkunft und meine Andersartigkeit.

Der nächste Morgen startete erneut mit einem Rundgang und Freunde besuchen. Es war tatsächlich viel Polizei unterwegs und das mit dem Streik bewahrheitete sich. Als ein Polizist ein Selfie mit mir machen wollte, nutzte ich die Gelegenheit, mich nach der Situation und meiner Sicherheit zu erkundigen. Er sagte, dass es in der Gegend häufig zu dieser Art von Streiks käme und es kein Problem sei, von dort in das Krankenhaus zu fahren.

Die Familie sagte dann, dass aber der Arzt angerufen hätte und mein Zimmer erst am Abend fertig sei. Schlussendlich setzte ich mich aber endlich durch und wurde zu meiner großen Erleichterung um 11 Uhr ins Krankenhaus gefahren – mein Zimmer war bereit für meinen Einzug.

It don`t matter if you are black or white?

Auf der Fahrt ins Krankenhaus hat Vater Kishore westliche Musik für mich gespielt und als der Song It don`t matter if you are black or white von Michael Jackson lief, sagte er,wie sehr er den Song möge. So eine absurde Situation habe ich schon lange nicht mehr erlebt.

Bei meinen Indienreisen erlebe ich jedes Mal, dass ich auf Grund meiner Hautfarbe auffalle und anders behandelt werde. Menschen wollen Fotos mit mir machen und meine Hand schütteln. Für mich ist die viele Aufmerksamkeit herausfordernd, gleichzeitig freut es mich aber, den Menschen so leicht eine Freude machen zu können.

Während einer Zugfahrt sagte mal ein Inder zu mir, dass er leider nicht die Gelegenheit hätte, in andere Länder zu reisen. Daher freue er sich über jeden Reisenden, der in sein Land kommt und über die Gelegenheit, auf diese Weise andere Kulturen kennenzulernen.

Ich bin so geprägt worden, dass alle Menschen gleich sind und wir keine Unterschiede auf Grund der Hautfarbe machen dürfen. Niemals würde ich in Deutschland jemanden auf der Straße ansprechen, weil er anders aussieht. Ich hätte Sorge, dass die Person sich diskriminiert fühlen könnte. Die Unbekümmertheit, mit der die Menschen hier in Indien auf mich zukommen, empfinde ich als erfrischend. Auch wenn unsere Hautfarbe nichts über unseren Wert aussagt, so kann sie doch einen Unterschied machen. In Indien erlebe ich hautnah, wie groß dieser Unterschied sein kann.

Ein Engel aus Paris

Ich glaube daran, dass wir im Leben immer das bekommen, was wir brauchen. Häufig wissen wir selbst gar nicht, was das ist, aber auf das Leben ist Verlass. In diesem Moment brauchte ich dringend ein gutes Gespräch und Voilá – Tania aus Paris!


 Foto: Tania Mouraud

Als ich im Krankenhaus Tania und ihrem Mann über den Weg lief, haben wir drei uns ganz verdattert angeguckt. Keiner von uns hatte damit gerechnet, hier anderen Westlern zu begegnen. Sofort kamen wir ins Gespräch. Tania ist eine Künstlerin aus Paris, die bereits seit 1979 regelmäßig nach Indien reist. Sie und ihre Familie haben schon sehr viele erstaunliche Erfahrungen indiesem Krankenhaus gemacht, das ihnen ebenfalls von indischen Freunden empfohlen wurde.

Tania stellte sich als unfassbar gebildete und weise Frau und somit als eine ausgesprochen gute Gesprächspartnerin heraus. Noch dazu kennt sie Indien wie ihre Westentasche und ist auch mit den kulturellen Gepflogenheiten sehr vertraut. Ihr vertraute ich alles an, was mich gerade so beschäftigte und dank ihrer schlauen Fragen und Ratschläge fühlte ich mich danach wieder gut sortiert. 

Sie gab mir mit auf den Weg, auch beim Reisen immer unabhängig zu bleiben und erinnerte mich daran, dass ich auf mein Bauchgefühl vertrauen und diesem folgen sollte. Tania selbst hat auch viele indische Freunde, übernachtet aber in Hotels und hat immer die Telefonnummer von einem Fahrer aus der Gegend. Von ihr bekam ich auch den Kontakt zu einem verlässlichen Fahrer, mit dem ich direkt vereinbarte, dass er mich aus dem Krankenhaus abholen wird, so dass meine Weiterreise gesichert ist und ich jetzt unbesorgt entspannen kann.

Auf den Fotos, die ihr hier von dem Ausflug seht, seht ihr mein wohl falschestes Lächeln. Ich werde in Zukunft darauf aufpassen, mich nicht wieder in Situationen zu bringen, in denen ich meine, dieses zu benötigen.

Viele, inzwischen wieder von Herzen lächelnde Grüße,

Eure Lea

 

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